„Herzlich Willkommen in Werne“

Leben in Containern

Erschienen in bodo (September 2012)

Im Juli entschied das Bundesverfassungsgericht, dass die seit 1993 nicht erhöhten Geldleistungen für Flüchtlinge gegen das Grundgesetz verstoßen – sie seien menschenunwürdig. Flüchtlingsorganisationen und Pressekommentare bewerten dieses Urteil als „Ohrfeige“ für die Bundesregierung, die seit 19 Jahren versucht habe, Flüchtlingen grundgesetzwidrig das Existenzminimum vorzuenthalten. Das BVerfG hält fest: „Die Menschenwürde ist migrationspolitisch nicht zu relativieren.“
Aber unter welchen Bedingungen leben Flüchtlinge eigentlich mitten unter uns? Ein Besuch in Werne im Kreis Unna.

(…) „Die Lebenssituation in den meisten Gemeinschaftsunterkünften ist sehr schlecht bis unmenschlich“, weiß die Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum. Genau diesen Eindruck erwecken auch die Containerunterkünfte in Werne, die direkt neben einer Sport- und Freizeitanlage stehen und ihre BesucherInnen mit einem Banner „Herzlich Willkommen“ begrüßen.

In den Containerunterkünften in Werne lernen wir viele Menschen kennen, unter ihnen auch Ohamar und Rang. Ohamar ist 33 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Myanmar in Südostasien. Sie war in einer Widerstandsgruppe einer ethnischen Minderheit aktiv, die einen unabhängigen Staat fordert. Als politisch Verfolgte verließ sie vor eineinhalb Jahren ihr Zuhause und floh nach Deutschland. Ihr Bruder wohnt seit acht Jahren in Frankfurt. Doch sie durfte nicht nach Frankfurt. Um ihn jetzt besuchen zu können, muss sie einen Antrag bei der Ausländerbehörde stellen. Die sogenannte Residenzpflicht für Geduldete und AsylbewerberInnen besagt, dass sie sich nur auf dem Gebiet des jeweiligen Bundeslandes aufhalten dürfen, in dem sie derzeit leben. Seit einem Jahr und acht Monaten lebt Ohamar nun in den Blechcontainern am Rande der Stadt. Sie bekommt 200 Euro Sozialhilfe im Monat und arbeitet derzeit gemeinnützig in einer Schulkantine. Fünfmal die Woche vier Stunden am Tag, und bekommt dafür einen Euro pro Stunde. Als Ohamar mit starken Rückenschmerzen zum Arzt ging, hat dieser ihr den Behandlungsschein für eine Weiterbehandlung verweigert. Sie sei nicht die einzige, die über Schmerzen klagt und keine angemessene Hilfe bekommt. Auch sei ein Problem, wenn sie einmal bei der Arbeit fehlen würde, würde ihr für den ganzen Monat die Sozialhilfe gestrichen, erzählt sie.

Das Leben hier ist schrecklich, sagt Ohamar. „Wir haben überhaupt kein privates Leben hier. Ich lebe mit vier Frauen in einem sehr kleinen Raum und wir teilen uns im Moment mit neun Leuten ein winziges Bad und auch die Küche.“ Einer alleinstehenden Person ohne Familie stehen im Durchschnitt bis zu fünf Quadratmeter zur Verfügung. Vor kurzem hat es so heftig geregnet, dass das Dach des Containers einbrach und alles unter Wasser stand. Eine Nacht haben die Bewohnerinnen in nassen Betten schlafen müssen, bis am nächsten Tag jemand zur Reparatur kam.

Die Zimmer sind spärlich eingerichtet. Zwei Doppelbetten, ein paar Metallschränke, Stühle und ein Sofa. Es ist eng. Zu viele Leute leben auf zu engem Raum zusammen. Im Sommer sei es unerträglich heiß – „wie in einem Ofen“ – und im Winter sei es teilweise kälter als die Außentemperatur. Wenn es windig ist, dröhnt das Blech in den Ohren.

„Ich verstehe nicht, dass Menschen in Containern leben müssen. Ich fühle mich hier einfach nur schlecht“, sagt Rang, der seit vier Monaten dort ist. Er ist 39 Jahre alt und kommt aus Lahore in Pakistan. Er ist gelernter Chemie-Ingenieur und hat als Produktmanager in einer großen Firma für Polyester-Herstellung gearbeitet. Er gehört der Ahmadiyya- Glaubensgemeinschaft an, die vom pakistanischen Parlament im Jahr 1974 zu einer nicht-muslimischen Gemeinschaft erklärt worden ist. Dies führte praktisch zur Legitimierung von Diskriminierung und Gewalt gegen Ahmadi-Muslime. Rang erzählt, dass sich die Situation für ihn und Angehörige der Glaubensgemeinschaft in den letzten Jahren verschlimmert hat. Im Jahr 2010 gab es Terroranschläge auf zwei Moscheen der Ahmadiyya Muslim-Gemeinschaft in Lahore. Die religiös motivierte Gewalt nahm zu, und auch Rang floh in diesem Jahr nach Deutschland. Seine Frau und seine dreijährige Tochter hat er in Pakistan zurücklassen müssen. Auch er hat zwei Brüder, die seit 20 Jahren in Hamburg leben. „Ich kann nicht zurück nach Pakistan. Das ist unmöglich. Ich möchte gerne bei meinen Brüdern leben, sie haben ein großes Haus und viel Platz. Aber ich darf nicht. Ich war zuerst in der Flüchtlingsunterkunft in Bielefeld und wurde dann nach Werne geschickt“, erzählt er.

(…) Er ist fassungslos über seine Situation: „Es kann gar nicht mehr viel schlechter werden als jetzt. Das Leben hier ist wie in einem Gefängnis“, berichtet er traurig. Er denkt oft verzweifelt darüber nach, was ihm zugestoßen ist. So geht es allen Menschen hier. Ein älterer Herr lebt seit 13 Jahren in den Containern. Nächste Woche bekommt er endlich eine eigene Wohnung, erzählt er glücklich. Er hat viel zu lange darauf warten müssen.

Die geschilderten Erfahrungen und Probleme sind keine Einzelfälle. Sehr viele Flüchtlinge finden sich in derartig unerträglichen Situationen wieder. Die Medizinische Flüchtlingshilfe in Bochum weist seit etlichen Jahren auf die schlechte Lage hin: „Die Bedingungen haben für die Flüchtlinge und ihre Familienangehörigen in Deutschland ein dermaßen repressives Umfeld geschaffen, das sehr leicht verschiedene psychische bzw. psychosoziale Erkrankungen auslöst. Die Unterbringung der Flüchtlinge in Massenunterkünften erhöht die einhergehende Störung von Intimität und Rückzugsmöglichkeiten.“ Dies berichten auch die BewohnerInnen der Containerunterkünfte aus Werne. Nach der Frage, warum sie nach Deutschland gekommen seien, antworten Rang und Ohamar beide, dass Deutschland für seine gute Menschenrechtslage bekannt sei. Doch beide, sowie die anderen Flüchtlinge, merken derzeit nur wenig davon. Sie fühlen sich hilflos, isoliert und ausgeliefert. Und auch der Schriftzug „Herzlich Willkommen“ wirkt eher zynisch, wenn wir mal genauer darüber nachdenken.